Kapitel 7: Der Baroudeur
Auf neuen Wegen mit Ben Healy.
20 August 2025
WordsTom Southam
PhotographyGrubers
Ben Healy hat viele Qualitäten – doch den Rennfunk zu benutzen gehört nicht dazu. Sobald er in sein Mikro spricht, kommt im Teamwagen nur ein verzerrtes Nuscheln an.
Etwa 60 Kilometer vor dem Ziel der sechsten Etappe der diesjährigen Tour de France, als ich hinter der Ausreißergruppe des Tages fuhr, spuckte das Radio eine hungrige, fast verzweifelt klingende Frage aus.
Eine kurze Pause, dann war meine Hoffnung verflogen, dass Mechaniker Cedric auf der Rückbank verstanden hatte, und ich antwortete:
„Bitte wiederholen, Ben.“ Der Lautsprecher gab weitere unverständliche Laute von sich. „Bitte wiederholen.“
Nichts ist so nervig für einen Fahrer wie die Bitte, sich zu wiederholen, wenn er es mitten im Rennen gerade so schafft, ein paar Worte herauszuquetschen. Wie gesagt, Ben ist ein großer Rennfahrer, ein Seriensieger und der Held dieses Juli – doch er schafft es nicht, deutlich zu sprechen, wenn es wirklich drauf ankommt.
Also fuhr ich direkt neben die Gruppe, reichte Ben eine Trinkflasche und gab ihm die Möglichkeit, sich endlich verständlich zu machen.
„Such mir eine Stelle zum Wegfahren… technisch.“
Das war die Frage, auf die ich gewartet hatte. Auf die wir alle gewartet hatten. Es gibt nur wenige Fahrer, die genug Selbstbewusstsein haben, um zu sagen: „Nenn mir den richtigen Ort, und ich erledige den Rest.“ Aber in diesem Fall hatte ich keinen Zweifel. Ein echter Fluchtspezialist ist ein Fahrer, dem du die Freiheit geben musst, es zu schaffen – oder zu scheitern.
Wenn du an meinem Platz sitzt, musst du verstehen, dass ein Fluchtspezialist durch sein Scheitern geformt wird. Sie sind die letzten Künstler in diesem Spiel – verbissen, fehlbar, gefährdet, schutzlos. Sie sind die tragikomischen Helden des Radsports; dazu verdammt, ohne klaren Weg dem Sieg nachzujagen und sich gegenseitig und selbst dabei zu zerfleischen.
Aus einer Fluchtgruppe heraus zu gewinnen heißt, in die Ecke deiner eigenen Schwächen und Misserfolge gedrängt worden zu sein – und vielleicht auf magische Weise einen Ausweg zu finden. Anders als die marktfähigen Siegerqualitäten im Radsport – Sprinten, Klettern, Zeitfahren oder Sprinten aus kleinen Gruppen heraus – ist der Sieg aus der Fluchtgruppe etwas, für das es mehr als nur Talent braucht.
Watt pro Kilo oder die maximale Wattleistung für einen kurzen Zeitraum vom Ende einer siebenköpfigen Ausreißergruppe aus ist einfach nicht genug. Stattdessen hat man eine komplizierte Gleichung vor sich – eine, die mit den eigenen Stärken und Schwächen gegenüber den Rivalen, dem Terrain und Wetter, der Willenskraft, Strategie und dem Geschick jongliert.
Wenn du hinter solchen Fahrern in der Gruppe bist, musst du mit ihnen arbeiten.
Diese Fahrer wollen Führung, klar – aber keine Anweisungen. Sie tasten sich durch die Dunkelheit, suchen einen Weg hinaus. Am Ende finden sie ihn. Und du darfst ihnen nicht den Ausgang versperren.
2025 ist es fast unmöglich geworden, aus der Fluchtgruppe heraus eine Grand-Tour-Etappe zu gewinnen. Wenn man kein Top-Kletterer ohne Chancen im Gesamtklassement ist und auch kein Sprinter ohne Team, sind die Chancen noch geringer. Um aus diesen komplexen Szenarien heraus wiederholt zu gewinnen, braucht man etwas anderes: Hunger, Verzweiflung, Mut, Talent – und vielleicht einfach keine andere Option.
Ben Healy hat natürlich alles davon. Immer wieder hat Ben einen Weg gefunden. Und damit ist er im derzeitigen Peloton einer der wenigen echten Fluchtspezialisten. Ein Fahrer, der gut klettern kann, aber die Besten nicht schlagen wird, wenn er wartet. Der gut im Zeitfahren ist, aber für die Klassementfahrer keine Bedrohung darstellt. Und der (sorry, Ben) ums Verrecken nicht sprinten kann.
Klar, auch der Zufall kann eine Rolle spielen – einmal bestimmt. Vielleicht auch zweimal. Doch um wie Ben immer wieder aus Fluchtgruppen heraus zu gewinnen, muss man viel mehr können. Im April gelang ihm auf der fünften Etappe der Baskenland-Rundfahrt ein perfekt ausgeführter Schachzug.
Es ist weder poetisch noch cool und kein bisschen wie eine wilde Nacht im Kneipenviertel; eher wie ein Abend auf Reddit in nerdigen Foren zum Thema Reibung. Es braucht gnadenlose Präzision und den Drang, alles richtig zu machen, um aus solchen Situationen heraus zu gewinnen. Jedes Gramm am Rad, Rollwiderstand und Luftverwirbelungen, Streckenprofil und Wetterlage werden auseinandergenommen und studiert, bis aus der Summe aller Teile ein Ganzes wird.
Fahrer wie Ben Healey haben Dinge im Blick, die der Logik zu widersprechen scheinen: Wenn du alleine im Gegenwind fährst und dich richtig reinhängst, kann es als Solist einfacher sein als in der Gruppe dahinter, wo sich Fahrer aufgrund des Windes weigern, in die Führung zu gehen. Und wenn du noch so weit vom Ziel entfernt bist, dass die anderen denken, sie hätten genug Zeit, dich einzufangen, kann der Abstand schnell uneinholbar werden – je weiter weg es ist, desto einfacher kann es sein. Auf der anderen Seite ist es manchmal in Wirklichkeit viel weiter weg, als der Rest der Gruppe denkt. In der Gruppe isoliert zu sein, kann sich dabei als Vorteil erweisen, denn oft stehen die komplexen Beziehungsgeflechte von Teamkollegen einer klugen Taktik im Weg.
Und das ist es, wonach Fluchtspezialisten Ausschau halten – oder was sie einfach spüren. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Ben all das wusste oder ob er überhaupt die Zeit dazu hatte, sich diese Dinge bewusst zu machen. Doch auf der sechsten Etappe der diesjährigen Tour de France fühlte es sich so an, als könne er alles ganz klar sehen. Und während ich von meinem privilegierten Posten aus das Geschehen verfolgte, fügte sich plötzlich alles dem Willen des Fluchtspezialisten. Es war einfach fantastisch.
Aus einer Fluchtgruppe heraus zu gewinnen, hat nicht zuletzt den Nachteil, keinem Konzept folgen zu können, das man erneut anwenden kann. Die sechste Etappe der Tour war fantastisch. Sie war magisch. Doch wir werden auf diese Weise nicht noch einmal gewinnen.
Wir werden nie wieder dort sein – in dieser Situation, mit diesen Fahrern, in diesem Moment. Doch jene Misserfolge, die das Gespür dafür geschliffen haben, wie der Sieg gelingt, sind immer noch da. Nur sind die Rivalen jetzt klüger geworden und noch schwerer zu schlagen. Nun warten sie auf uns.
Und so ist der Fluchtspezialist dazu verdammt, weiterzusuchen – neue Wege zu finden, an seine Grenzen zu gehen, sich anzupassen, um mit minimalen Erfolgsaussichten dem Sieg nachzujagen.
PRO TEAM BREAKAWAY SUIT
Beim Giro 2023 modifizierte Ben unseren Pro Team TT Aero Suit kurzerhand selbst und schnitt die Oberseite der Startnummerntaschen auf, um daraus improvisierte Verpflegungsfächer zu machen. Diese intuitive Innovation wurde zum Auslöser für die Entwicklung unseres Pro Team Breakaway Suit – gemeinsam mit Ben entworfen, um das perfekte Outfit für offensiven Radsport zu schaffen.
Zuerst für RCC-Mitglieder in limitierter Stückzahl erhältlich.
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